Ekkehart Drost: Drei Monate Friedensdienst in Palästina
11.02.2012
Gibt es eine Lösung im Nahost-Konflikt? Wie sieht das Zusammenleben von Israelis und Palästinensern im Alltag aus? Der ehemalige Goetheschullehrer Ekkehart Drost war im Auftrag und auf Einladung des Weltkirchenrates WCC (World Council of Churches) drei Monate lang als Ökumenischer Friedensdienstler in Palästina. Eine Unterorganistion des Weltkirchenrates (vergleichbar wie es Unterorganisationen der UNO gibt, etwa UNESCO) ist der EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel), das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel. Die Helfer nennen sich EA's, Ecumenical Accompaneer. Der 67-Jährige war ein Vierteljahr lang als Ökumenischer Friedensdienstler im Westjordanland, hat dort umittelbar erfahren, welche Konflikte es durch die Siedlungspolitik Israels gibt. Frank Bertram sprach mit Ekkehart Drost.
Wie kamen Sie auf die Idee, als Ökumenischer Friedensdienstler nach Palästina zu gehen?
Ich habe beim Treffen einer Organisation, die das Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al Salam in Israel unterstützt, davon gehört. Dort bei der Jahrestagung habe ich zwei Männer kennengelernt, die diesen dreimonatigen Dienst schon gemacht hatten. Die haben davon erzählt. Und das hat mich gleich elektrisiert. Die Schilderungen fand ich derartig überzeugend, dass für mich der Wunsch entstand: Das muss ich auch machen.
Was hat Sie daran elektrisiert?
Ich habe ja schon seit vielen Jahren in der Goetheschule Veranstaltungen zu Israel und zum Judentum gemacht. Das Thema hat mich seit 15 Jahren stark berührt. 2010 war ich mit anderen Lehrern in Israel und in der Gedenkstätte Yad Vashem, eine Woche lang, sehr intensiv, mit Seminar und Workshops. Das Thema hieß „Vom Holocaust lernen und lehren". Und ich wollte jetzt auch mal die andere Seite kennenlernen. Diese Möglichkeit, drei Monate lang in der Westbank (Westjordanland) nur mit Palästinensern zusammen zu sein, wird meines Wissens nur vom Weltkirchenrat angeboten.
Wo waren Sie genau?
Mein fester Standort war in den drei Monaten im 4000-Einwohner-Dorf Jayyous, zusammen mit drei weiteren EA's: eine Argentinierin, eine Südafrikanerin, ein Nordire. Der Ort liegt südlich von Nablus, nördlich von Ramallah im nordwestlichen Teil der Westbank.
Was ist die Tätigkeit und die Aufgabe als Ökumenischer Friedensdienstler?
Da wir in einem Bauerndorf waren mit Bevölkerung, die überwiegend von der Landwirtschaft lebt, haben wir die „landwirtschaftlichen Tore" beobachtet, durch die die palästinensischen Bauern auf ihre Felder gelangen. Was heißt das? Die Grüne Linie ist mit einem grünen Stift 1949 bei der Gründung Israels und dem Waffenstillstand auf der Landkarte gezogen worden. Diese Linie ist 350 Kilometer lang. Die tatsächliche Grenze beträgt aber 708 Kilometer - das sind „Einbuchtungen" in der Grenzlinie durch Landnahme Israels. Zwischen der Grünen Linie und der tatsächlichen Grenze liegt die so genannte Seam Zone, die Saumzone. Und in der liegt das Land der palästinensischen Bauern. Getrennt durch einen Zaun. 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind von dem Dorf abgetrennt. Und damit sie dort auf ihr Land können, sind für den Ort drei Tore geöffnet worden. Diese „Agricultural Gates" sind immer nur zu bestimmten Zeiten geöffnet. Das Haupttor, das North Gate, ist dreimal am Tag 7 bis 7.30 Uhr und mittags und abends auch nochmal jeweils für eine halbe Stunde geöffnet. Die Bauern müssen also, wenn sie Land in der Saumzone haben, immer durch diese streng von israelischem Militär bewachten Tore durch. Und sie müssen abends immer wieder zurück, dürfen nicht auf ihrem Land übernachten.
Wir EA's standen nun an dem landwirtschaftlichen Tor mit einem Notizbuch, erkennbar an unseren Westen. Und zählen: Wieviele gehen dort durch während einer bestimmten Zeit. Wieviele Männer, wieviele Frauen, wieviele Kinder. Wenn nun die Soldaten am Tor jemanden zurück geschickt haben, war es meine Aufgabe, nach dem Grund zu fragen. Beispielsweise hatte mal ein Mann eine Reisetasche mit Kleidung mit, und da dachten die Soldaten, der wolle dort übernachten, deshalb durfte er nicht durch.
Um durch das Tor hindurch zu kommen, benötigt man einen „Permit", einen Berechtigungsschein. Der wird von der israelischen Behörde ausgestellt - oder eben auch nicht. Im Oktober beispielsweise werden besonders viele „Permits" beantragt, zur Olivenernte. Aber nicht alle werden genehmigt. Wenn jemand nicht durch das Tor durfte, war es unsere Aufgabe, mit unseren Diensthandys die „Humanitarian Hotline" anzurufen. Das ist eine Anlaufstelle des israelischen Militärs. Und wir sagen dann: Hier an Tor 943 ist ein Bauer von den Soldaten zurück geschickt worden. Dann müssen wir die genauen Personalien angeben, und dann wird das geprüft.
Was ist das Ziel des Einsatzes?
Eine wichtige Aufgabe von uns EA's ist es, den Menschen dort das Gefühl zu geben, dass hier Freunde aus aller Welt sind, die die Sorgen kennenlernen, verstehen und sich dann, wenn sie zuhause zurück sind, für die Menschen dort in vielen Vorträgen einsetzen. Wir vier EA‘s in Jayyous waren zum Beispiel in der Dorfschule und haben vor Fünftklässlern eine Stunde gegeben. Auf einer Weltkarte haben wir den Kindern gezeigt, woher wir alle kommen. Alle diese Leute sind hier, um über eure Sorgen zu berichten, haben wir den Schülern erzählt.
Wie weit hat denn Ihre Sympathie für Israel gelitten?
Die israelische Politik kann ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Einer meiner Freunde ist der israelische Journalist Igal Avidan (Israel - ein Staat sucht sich selbst, 2008), der seit 1989 als freiberuflicher Journalist in Berlin arbeitet. Als ich nach den drei Monaten zurück war, telefonierten wir und er fragte, ob wir jetzt Hebräisch sprechen sollten. Lieber Arabisch, antwortete ich ihm und wir lachten. Ich fühle mich mit den Israelis solidarisch, die in Nicht-Regierungsorganisationen arbeiten. Aber nicht mit denjenigen, die die Netanjahu-Politik vertreten - oder noch schärfere Ansichten. Mit den israelischen Bürgern, die sich genauso wie wir für die Verständigung zwischen beiden Völkern einsetzen, mit denen fühle ich mich weiterhin absolut solidarisch.


